Weinrallye #52 “Klimawandel” – Dürreperioden und Starkregen ändern das Profil des Weinbergs

von am 30.06.2012 in WEINBAU, [ Weinrallye ]

Weinrallye #52 “Klimawandel” – Dürreperioden und Starkregen ändern das Profil des Weinbergs

Die Weinanbaugrenzen verlagern sich nach Norden” und “mitteleuropäische Weine werden den Südeuropäischen immer ähnlicher” – Aussagen, bei denen Viele einer Meinung sind. Logisch, dass sich die Weinanbaugebiete immer weiter in den Norden verlagern und positiv für England, dass sie jetzt ihren eigenen Wein produzieren können. Aber “mitteleuropäische Weine werden den Südeuropäischen immer ähnlicher” – vielleicht ein wenig, letztlich liegt das aber im Auge des Betrachters bzw. in der Nase oder im Mund. Trotz des Klimawandels werden allerdings niemals die gleichen klimatischen Verhältnisse zwischen z.B. Deutschland und Spanien herrschen. Reben können zwar positiv auf leichte Stresssituationen reagieren, aber Aussagen wie “Reben lieben Trockenheit” sind völliger Schwachsinn und einfach nur daher gesagt, ohne den geringsten Bezug zur Pflanze.

Unter Pflanzen gibt es, so komisch es auch klingt, Optimisten und Pessimisten. Ein Optimist ist z.B. die Sonnenblume und ein Pessimist, ratet mal… – die Rebe. Ein kleines Beispiel hierfür ist die sogenannte “Mittagsdepression” – der Tageszeitraum zwischen 10 und 13 Uhr, in dem die Rebe keine oder kaum noch Photosynthese betreibt. Spaltöffnungen am Blatt (Stomata), die für eine Transpiration und den Gasaustausch in der Rebe verantwortlich sind, verschließen sich um diese Zeit – genauer gesagt, zwischen 27 und 30 °C. Folglich nimmt die Photosyntheseleistung während Dürreperioden ab oder fällt komplett aus, was zum absterben der Pflanze führt.

Verfügbares Bodenwasser – ein zunehmendes Problem

Der große Vorteil, den die Rebe hat, sind ihre sehr langen und feinen Wurzeln. Selbst Expertenmeinungen gehen über die maximale Länge auseinander. Manche sagen sie könnten eine Länge von bis zu 8 Metern bekommen, Andere sagen bis zu 15 Meter. Messungen der Wurzellänge wären höchst aufwendig – man stelle sich eine Maschine, ein Arbeitsgerät oder ein Fahrzeug vor, das einen 15 Meter tiefen Erdblock samt einer älteren Rebe und ihren Wurzeln aus der Erde heraushebt – unmöglich! Zudem wurzelt die Rebe nicht nur tief sondern auch beachtenswert in die Breite, um an das Wasser im Boden zu gelangen.

Bodenwasser ist für die Rebe nicht komplett verfügbar. Das verfügbare Bodenwasser ist das Wasser, das an Bodenteilchen gebunden ist. Wasser verdunstet zum Teil schon auf der Bodenoberfläche, besonders wenn sich in den Gassen (zwischen den Rebzeilen) Staunässe bildet, weil der Boden verdichtet ist. Desweiteren gibt es im Boden Kapillare, aus denen das Wasser in die Luft transpiriert oder in immer tiefere Bodenschichten absickert (Sickerwasser).

Im Sommer 2003 mussten die Reben großflächig bewässert werden, da kein pflanzenverfügbares Wasser mehr im Boden vorhanden war.

Bodenverdichtung hindert Regenwasser nach starkem Niederschlag in den Boden abzusickern (Ende 2011 / Südpfalz)

Der Klimawandel kann für die Reben, in Bezug auf Dürreperioden und starke Regenschauer, ein enormer Stressfaktor sein und von den Winzerinnen und Winzern ein optimales und zeitlich abgestimmtes Weinbergsmanagement abverlangen. Unachtsamkeiten oder eine mangelhafte Bewirtschaftung der Weinberge könnte fatale Folgen, wie z.B. Fehltöne im Wein oder komplette Ernteausfälle haben.

Fragen, die man sich als Weinbaubetrieb stellen könnte, wenn man in die Zukunft blickt…

Welche Weinbergsbegrünungen sollen gewählt werden, wenn einige der aktuellen heimischen Begrünungspflanzen nur noch in nördlicheren Weinanbaugebieten ausgesät werden können? Vielleicht einfach keine Begrünung einsetzen, weil diese sowieso eine Nahrungs- und Wasserkonkurrenz der Rebe darstellt. Aber Begrünungen werden doch gebraucht um in Zukunft Bodenerosionen zu vermeiden!? Und begünstigen Begrünungen nicht die untypische Alterungsnote (UTA) im Wein? Weil Deutschland in der Weinbauzone A und B liegt, darf der Wein nicht gesäuert werden – Was ist denn, wenn durch eine zu hohe Sonneneinstrahlung der pH-Wert der Trauben in die Höhe schießt? Was machen wir, wenn die Trauben Sonnenbrand kriegen? Was machen wir, wenn die Trauben noch mehr Fäulnis bekommen? Können die Reben im Winter erfrieren, wenn die Holzreife durch lang anhaltende warme Temperaturen im Spätjahr verzögert wird? Ist eine Pferdebewirtschaftung der Weinberge in Bezug auf Bodenverdichtungen sinnvoll? Machen Minimalschnittanlagen als Schutz gegen Hagelschauer sinn oder gehen wir das volle Risiko eines Totalausfalls mit normalen Erziehungsarten ein, Hauptsache wir erreichen hohe Mostgewichte?

So dramatisch wie sich alles anhört, gibt es trotz alledem einige Möglichkeiten mit dem Klimawandel zu leben. Ob der Klimawandel für den Weinbau nur positive Folgen hat, wie ich es schon öfters gehört oder gelesen habe, wage ich allerdings zu bezweifeln.

Weinrallye #52 “Klimawandel”

ausgerufen durch Thorsten Goffin von Glasklare Gefühle

Organisator: Thomas Lippert – Winzerblog

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